Satelliten

Księżyce

exkursion Księżyce - 28.08.2021

Kunstschaffende und Kreative verleihen ihren Wohnorten besondere Ausstrahlung. Ästhetisch und intellektuell anspruchsvoll, werden die Orte bei entsprechender Dichte an kreativen Köpfen nicht selten selbst zu Kunstwerken. Beim ersten Reiseziel im Programm SATELITEN hatte schon der Name des Ortes etwas Poetisches und Anziehendes. „Die Monde“ (poln. Księżyce) heißt wortwörtlich übersetzt das bis 1945 deutsche Knischwitz, ca. 40 km südlich von Wrocław gelegen. Seit den 1990er Jahren hat sich hier eine beachtenswerte Künstlerkolonie etabliert, aus deren Mitte wir vier Vertreter am 28.08.2021 besuchen und kennenlernen durften. Alle vier Kunstschaffende haben die Kunstakademie in Wrocław absolviert und in der niederschlesischen Metropole ihre ersten Berufserfahrungen gesammelt. Bis sie der Stadt den Rücken kehrten und auf die Monde gezogen sind.

Die Monde sind voll von Kunst. Die Kunst ist im Atelier, im Haus, im Garten, im Wald. Schon die Ankunft im detailliert gestalteten und trotzdem eine naturnahe Leichtigkeit ausstrahlenden alten Bauernhof von Elżbieta und Krzysztof Wałaszek löste Begeisterung aus. Die Keramikkünstlerin Elżbieta Janczak-Wałaszek befasst sich mit Produktdesign, Installationen und Skulpturen. Das zentrale Motiv ihrer Arbeit bildet die Tierwelt. Schnell ist in ihrem Atelier sichtbar: Hunde sind ihre Lieblingstiere. Daneben finden sich aber auch weitere Haus- und Hoftiere wie Hühner, Schafe, Katzen oder Kaninchen, deren faszinierende künstlerische Umsetzung weit über ein rein naturalistisches Abbild hinausgeht.

Krzysztof Wałaszek ist Dozent an der Kunstakademie in Wrocław. Als Künstler nutzt er traditionelle Techniken wie Malerei, Keramik, Druckgrafik oder Collagen. Mit expressiven Zeichen und leuchtenden Farben blickt er spottend auf die Absurditäten des Alltags, wendet sich gegen den Merkantilismus, die übertriebene Institutionalisierung des gesellschaftlichen Lebens und tritt für die Trennung von Staat und Kirche ein. Er experimentiert, indem er seine Leinwände mit kurzen verbalen Kommentaren versieht und sie zum Hauptelement des Bildes macht. In seinem Atelier erzählte er uns die Entstehungsgeschichten zu ausgewählten Werken aus unterschiedlichen Zeiten. In vielen Fällen machten diese Hintergrundinformationen die Arbeiten erst im vollen Maße verständlich, denn Wałaszeks politisch motivierte und gesellschaftlich engagierte, kritische Kunst lebt vom konkreten Inhalt, antwortet auf ein Ereignis, einen Skandal, eine Meinung oder kontroverse Äußerung. Sein intellektuell anspruchsvolles Wirken ist reich an Ironie, Assoziationen, Wortspielen. So wurde das Gespräch über die Kunst schnell zu einem spannenden Austausch über die aktuelle politische Situation in Polen.

Die zweite Station in Księżyce waren die Ateliers von Urszula Wilk und ihrem Mann Eugeniusz Minciel. Beide sind Vertreter der abstrakten Malerei und gehören zu den renommiertesten Künstlern in Polen. Ihre Arbeiten werden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland präsentiert. Die Begegnung mit dem Ehepaar begann mit einem kleinen Spaziergang durch den Garten in den anliegenden Wald. Dort hängen zwischen den Bäumen die „Bluemetrien“, eine Serie von Arbeiten in Blautönen, die die Künstlerin Ula Wilk immer wieder in unterschiedlichen Formaten und auf unterschiedlichen Stoffen erweitert. Eine wichtige Rolle spielen dabei für sie Techniken des Zufalls wie etwa frei verlaufende Farben. Urszula Wilk beschreibt daher ihre Arbeiten als „selbständige, unabhängige, malerische Existenzen“. Auch ihre kleineren und oft subtileren Arbeiten auf Papier entstehen in Serien und werden später unterschiedlich kombiniert. Die Vielfalt der Techniken und Formate lieferte viele Ansatzpunkte für ein spannendes Gespräch.

Nicht anders war es im Atelier von Eugeniusz Minciel. Seine großformatigen, abstrakten Bilder entwickelten sofort ihre Anziehungskraft. Mal farbenfroh, mal fast monochrom, mit erkennbarer formellen Struktur oder auch ohne jegliche festzustellende innere Ordnung, führten bei den Gästen zu zahlreichen Fragen nach der Arbeitsweise des Künstlers, seinen Inspirationsquellen und sich wiederholenden Motiven.

Die Künstlerinnen und Künstler in Księżyce haben uns beeindruckt – mit ihrer Kreativität, Offenheit, Gastfreundlichkeit und natürlich ihren Arbeiten. Die ästhetische Qualität ihres Umfeldes lud zum längeren Verweilen und Genießen ein. 

Zum Ende diese außergewöhnlichen Tages stand noch eine Überraschung auf dem Programm. Auf dem Nachhauseweg besuchten wir die einzigartige Glasmanufaktur Szklana Manufaktura in Radzimowice (Altenberg) bei Jelenia Góra (Hirschberg), wo der Künstler Marcin Zieliński mit Arbeitswerkzeugen und Maschinen aus dem 19. Jahrhundert Glaskunstwerke schafft. Seine Manufaktur ist kein Museum, sondern eine einzigartige und äußerst vitale Werkstatt.

Bericht von Agnieszka Bormann